Notfallseelsorge: Erste Hilfe für die Seele

Autorin: Dorothee Wüst

Auf einer Landstraße kommt ein Wagen plötzlich ins Schlingern. Er bricht nach rechts aus, überschlägt sich und bleibt im Graben liegen. Die herbeigerufenen Rettungskräfte sichern die Unfallstelle und versorgen die Insassen. Der Mann am Steuer ist schwerverletzt und muss sofort notärztlich versorgt werden. Auf dem Rücksitz finden die Helfer ein Kind, das den Unfall nicht überlebt hat. Es muss mit technischen Mitteln aus dem Blechwrack befreit werden. Mit Sachkenntnis und Erfahrung meistern alle Beteiligten die Situation. Wenige Stunden später kann der Verkehr wieder reibungslos fließen, nur noch die Bremsspuren des Wagens weisen darauf hin, dass hier ein Unglück stattgefunden hat.

Solche oder ähnliche Ereignisse kennzeichnen die Arbeit der Rettungskräfte von Polizei, Notärzten und Feuerwehr. Ihr Alltag beginnt da, wo für alle anderen Menschen der Alltag aus den Fugen gerät. Ob bei einem Autounfall oder einem Zugunglück, einem Brandeinsatz oder einem drohenden Suizid ? die Helfer mit Helm und Schutzjacke sind in kürzester Zeit zur Stelle. Jeder Handgriff sitzt, jeder Schritt ist durchdacht. Das ist auch notwendig, weil es in der Regel auf jede Minute ankommt. Durchorganisiert gehen die Helfer ans Werk, bis ihre Arbeit getan ist. Das ist der Fall, wenn der Alltag weitergehen kann. Wenn Straße oder Gleis wieder frei sind, wenn ein Brand gelöscht oder ein Mensch gerettet ist.

Der Alltag geht weiter. Wenigstens für den unbeteiligten Zuschauer, der nur noch Spuren des Geschehenen entdecken kann, wenn die Rettungskräfte abrücken. Für die Beteiligten und Betroffenen geht der Alltag nicht einfach weiter. Die Bilder und Eindrücke des Erlebten bleiben haften. Sie prägen sich in der Seele ein, wo sie selbst nach Wochen und Monaten noch nachwirken. Ein Feuerwehrmann, der selbst kleine Kinder hat, wird den Anblick eines toten Säuglings so schnell nicht vergessen. Ein Mann, der seine Frau bei einem Brand verliert, wird noch sehr lange das Prasseln der Flammen hören. Für eine Frau, die zufällig einen Unfall beobachtet, verändert sich in dieser Sekunde der Ohnmacht und der Hilflosigkeit das ganze Leben. Jedes Unglück hinterlässt Spuren, sichtbare und unsichtbare. Für die sichtbaren Spuren gibt es in unserer Gesellschaft Organisationen, die dafür zuständig sind: Trümmer und Schäden werden schnell und zuverlässig beseitigt. Dass auch die unsichtbaren Spuren an der Seele bei den Betroffenen der Hilfe bedürfen, dafür wächst in den letzten Jahren zunehmend das Bewusstsein.

In der Pfalz gab die Flugkatastrophe von Ramstein einen entscheidenden Anstoß für die Notwendigkeit seelsorgerlicher Betreuung in der Akutphase und in der Nachsorge von Unfallopfern, Angehörigen und Einsatzkräften. Durch das Erlebte hoffnungslos überforderte Helfer und durch die Eindrücke nachhaltig schockierte Betroffene arbeiten zum Teil noch heute daran, das Gefüge ihres Alltags wieder in den Griff zu bekommen. Aber auch im Vergleich dazu weit weniger kritische Ereignisse haben die Erkenntnis reifen lassen, dass ein dringender Bedarf an Betreuung und Seelsorge im akuten Notfall und in der Nachsorge existiert. Als Ansprechpartner für Gespräche in dieser Richtung bieten sich unter anderem die christlichen Kirchen an.

Notfallseelsorge gehört von jeher zu den ureigensten Aufgaben der Kirche. Viele Geschichten des Neuen Testamentes zeigen, dass Jesus Christus selbst immer ein offenes Ohr und helfende Hände für Menschen in größter Not hatte. In seiner Nachfolge sind auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der christlichen Kirchen ganz bei ihrer Sache, wenn sie für Menschen in Angst und Verzweiflung da sind, ihnen in ihren Fragen zur Seite stehen und sie an ihrer Hoffnung teilhaben lassen, dass Gottes heilsame und stärkende Kraft in ganz besonderer Weise den Menschen zugute kommen will, die selbst keine Kraft mehr haben. Dies gilt auch und gerade in der größten Not, die Menschen kennen: an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod. Notfallseelsorge ist ein Dienst am Menschen, der fraglos zum Auftrag der Kirche dazugehört und bei gegebenem Anlass auch seit langem geleistet wird. Neu ist demgegenüber, dass dies in Absprache mit anderen im Notfall aktiven Kräften und in organisierter Form geschieht.

Seitens der evangelischen Kirche ging der Impuls für eine Kooperation der verschiedenen Partner 1996 von dem damaligen Polizeipfarrer Michael Pernt-Weigel aus, der im Bereich der Pfalz zur Gründung einer Notfallseelsorge aufrief. Parallel dazu gab es die Anfrage des Leiters der Städtischen Feuerwehr, Konrad Schmitt, ob kirchlicherseits mit Unterstützung in Sachen Akutbetreuung und Nachsorge zu rechnen sei. Daraufhin konstituierte sich im Oktober 1996 ein Arbeitskreis Notfallseelsorge, bestehend aus Mitarbeitern von Feuerwehr, Notärzten, Polizei und Kirche. Gemeinsam wurde ein tragfähiges Konzept erstellt, so dass im November 1997 ein Team der Notfallseelsorge in Kaiserslautern und der Verbandsgemeinde Hochspeyer seinen Dienst aufnehmen konnte. Ein gutes Dutzend evangelischer Pfarrer und Pfarrerinnen versieht im wöchentlichen Rhythmus Bereitschaftsdienst. Ausgestattet mit Piepser und Bündelfunkgerät, Helm und Schutzjacke, stehen sie auf Abruf bereit, um im Ernstfall erste Hilfe für die Seele zu leisten. Mit dem offiziellen Status eines Feuerwehrfachberaters stehen sie zum Beispiel in folgenden Einsatzbereichen zur Verfügung:

Betreuung und Beistand für Verletzte, Sterbende und unverletzte Beteiligte am Unfallort
In der Regel haben die Einsatzkräfte alle Hände voll zu tun, um am Unfallort die Grundversorgung zu gewährleisten. Darüber hinaus gibt es einen großen Bedarf an Hilfeleistungen im unmittelbaren Umfeld eines Unfalls. Für die Notfallseelsorge kann das heißen: einem Verletzten die Hand halten, bis er ärztlich versorgt wird; mit einem Sterbenden die letzten Minuten aushalten; einem unfreiwilligen Zuschauer das Erlebte ertragen helfen; sich um ein Kind kümmern, das Augenzeuge geworden ist; die Angehörigen eines Opfers auf den Anblick vorbereiten; auf Wunsch am Unfallort ein Gebet sprechen.

Unterstützung der Einsatzkräfte bei schweren Unfällen mit erheblichem Personenschaden
Die Zugkatastrophe von Eschede in der Vergangenheit hat gezeigt, dass die Notfallseelsorge bereits einen festen Platz im Leben hat. Auf die Nachricht von dem Unglück eilten sofort Dutzende von Seelsorgern und Seelsorgerinnen an den Unfallort, um den Helfern und Opfern, den Angehörigen und Anwohnern Beistand zu leisten. Sie haben mit den Einsatzkräften die unerträgliche Anspannung und mit den Betroffenen das unermessliche Leid geteilt. Ähnlich würde es bei einem Katastrophenfall in Kaiserslautern auch zu einem Großeinsatz der Notfallseelsorge kommen.

Akutbetreuung von Einsatzkräften
Bei den Berichten und Bildern von Unglücksfällen stehen meist die Opfer und ihre Angehörigen im Blickpunkt. Aber auch die Feuerwehrmänner und Polizeibeamten, die Rettungssanitäter und Notärzte werden tagtäglich mit Erfahrungen konfrontiert, die sich nur schwer verarbeiten lassen. Nicht selten geraten gerade die Helfer an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und bedürfen der Aufmerksamkeit und Ermutigung: Momente der Schwäche und Gefühle von Hilflosigkeit sind keine Zeichen von Versagen, sondern normale Reaktionen eines Menschen auf eine extreme Situation.

Überbringen von Todesnachrichten in Zusammenarbeit mit der Polizei

Zu den schwierigsten Aufgaben im Polizeidienst gehört es, Angehörigen die Nachricht von einem Todesfall zu übermitteln. Für diese Situation gibt es kein allgemein gültiges Verhaltensschema, so dass die Beamten in aller Regel auf sich selbst angewiesen sind. Die Begleitung durch ein Mitglied des Notfallseelsorgeteams, das zumeist über jahrelange Erfahrung im Umgang mit Sterben und Tod verfügt, kann hier eine Entlastung darstellen.

Betreuung von Hinterbliebenen im häuslichen Bereich

Plötzlicher Kindstod oder erfolglose Reanimation bei Herzinfarkt: In Sekundenbruchteilen werden aus Angehörigen Hinterbliebene. Wenn die Rettungssanitäter und Notärzte die Wohnung verlassen, bleibt ein Notfallseelsorger bei den durch das Erlebte schockierten Menschen, bis Hilfe aus der Familie oder Nachbarschaft eintrifft bzw. der zuständige Gemeindepfarrer verständigt ist.

Durchführung kirchlicher Riten am Unfallort oder im häuslichen Bereich
In vielen Fällen erleben es die Beteiligten an einem Unfall oder die Hinterbliebenen in einem Sterbefall als tröstlich, wenn der Notfallseelsorger anbietet, ein Gebet oder ein Segenswort zu sprechen. An der Grenze zwischen Leben und Tod wird oftmals das Bedürfnis nach religiösen Riten deutlich: im katholischen Bereich ist es das Sakrament der letzten Ölung, im evangelischen die Feier des Abendmahles. Wo dieses Bedürfnis existiert, wird es aufgegriffen und nach Kräften erfüllt.

Krisenintervention bei akuter Suizidgefahr
Die Situation eines drohenden Suizids konfrontiert alle Beteiligten mit dem Gefühl abgrundtiefer Hilflosigkeit. Notfallseelsorge in diesem Fall heißt, sich dem Suizidgefährdeten als Gesprächspartner anzubieten und ihn in dieser Krise zu begleiten. Notfallseelsorge kann den Suizid nicht verhindern, aber sie kann dem Betroffenen helfen, seine eigene Sicht-weise auf die Krise zu erweitern u. Lösungsmöglichkeiten zu entdecken.

Die durchweg positive Resonanz der Öffentlichkeit auf die Arbeit der Notfallseelsorge zeigt, dass die Kirche sich hier in einem mehr als sinnvollen Betätigungsfeld engagiert. Das freundliche Entgegenkommen und die große Kooperationsbereitschaft der Städtischen Feuerwehr Kaiserslautern haben in der Vergangenheit viel zum Gelingen des Projektes beigetragen. Für die Zukunft gilt der Wunsch, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen: die Kooperation zu vertiefen, die Kommunikation zwischen allen Beteiligten zu stärken und die Notfallseelsorge als festen Bestandteil im Hilfsangebot der Stadt Kaiserslautern zu etablieren.