Die Höhenrettungsgruppe

Manch einer wird sich sicher fragen: "Wozu braucht die Feuerwehr Kaiserslautern eine Höhenrettungsgruppe - wo sind die Berge?"

Das Virus "Höhenrettung" grassiert bei den Feuerwehren, landauf - landab. Ist den Feuerwehren auf einmal bewusst geworden, dass sie per Gesetz dazu verpflichtet sind, auch in großen Höhen Hilfe zu leisten? Sind sie endlich aufgewacht oder reitet man nur auf der neuesten Modewelle, die bald wieder verebbt?

Diese und andere Fragen will dieser Bericht beantworten. Er will aber auch neue Fragen aufwerfen, welche der geneigte Leser bitte für sich selbst beantworten möchte.

"Die schnell voranschreitende Entwicklung zwingt uns Feuerwehrleute immer wieder, darüber nachzudenken, mit welchen Verfahren und Methoden wir in Not geratenen Bürgern besser, beziehungsweise überhaupt helfen können. Große und vor allem hohe Wohngebäude, Einrüstungen, industrielle Anlagen, Versorgungsschächte, Kanäle und vieles mehr machen es heutzutage fast zu einem Erfordernis, bisher angewandte Methoden zur Rettung von Menschen und der Abwehr von Gefahren durch die Anwendung von Auf- und Abseilverfahren wirkungsvoll zu ergänzen".

Dies waren die Worte eines Fachmannes während eines Symposiums 1994 an der Geburtsstätte der Höhenrettung - der Brand- und Katastrophenschutzschule des Landes Sachsen-Anhalt - in Heyrothsberge. Derzeit ist die Absicherung von Einsatzkräften in absturzgefährdeten Bereichen bei der Feuerwehr im Allgemeinen vollkommen unzureichend. Dies wird nur allzu- deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass bei der Verwendung des leider immer noch hochgehaltenen Feuerwehrsicherheitsgurts und der Fangleine oder den oftmals haarsträubenden Improvisationslösungen mit vorhandenem Gerät bereits bei einem Sturz (freier Fall) aus 1,60 m Höhe mit lebensbedrohlichen Verletzungen gerechnet werden muss. Schon bei einer Höhe von 2,20 m sind alle Sicherheitsreserven dieser konventionellen (Un-)sicherungstechnik ausgereizt!

Das eingesetzte Material hält den auftretenden Beanspruchungen nicht mehr stand. Die Fangleine reißt, der Feuerwehrsicherheitsgurt ebenso - hoffentlich, denn die Folgen eines Nichtversagens der Ausrüstung wäre in diesem Falle ebenso fatal. Durch die Art der Krafteinleitung in den Körper der aufzufangenden Person wären so schwerste innere Verletzungen die unausweichliche Folge.

Höchste Zeit also, um nach Alternativen zu dieser immer noch gängigen Praxis des "Sicherns" zu suchen. In den Jahren 1979 und 1980 hat man sich bei der Berufsfeuerwehr Berlin (Ost) über die Rettungsmethoden von Personen aus schwierigen Lagen bei Brandgefahren Gedanken gemacht. In einer Untersuchung von nationalen und internationalen Möglichkeiten der Menschenrettung wurden die Methoden der Bergrettung als die geeignetsten empfunden.

Diese Rettungsmethoden wurden an der Schule in Heyrothsberge erprobt, für die Feuerwehr weiterentwickelt und durch einen 1982 gegründeten speziellen Rettungsdienst (SRD) zur Anwendung gebracht. In den ersten vier Jahren gab es nur zwei Einsätze , bei denen Personen infolge von Brandeinwirkung abgeschnitten waren. Man stellte allerdings fest, dass der SRD ein ausgezeichnetes Hilfsmittel bei vielen Hilfeleistungseinsätzen war. Aufgrund dieser Erfahrungen wurde der SRD 1986 in der gesamten DDR eingeführt. Der inzwischen in Höhenrettungsdienst (HRD) umbenannte SRD wurde mit der Grenzöffnung auch im Westen bekannt. 1993 erfolgte die Gründung der ersten westdeutschen Höhenrettungsgruppe bei der Berufsfeuerwehr in Frankfurt am Main.

Im Jahre 1997 wurden auch in Kaiserslautern die Voraussetzungen geschaffen, eine Höhenrettungsgruppe als integralen Bestandteil der Feuerwehr zu gründen. Das Land Rheinland-Pfalz übernahm die Kosten für die Erstausrüstung und die Ausbildung der zukünftigen Ausbilder. Dies sind vier Angehörige der Berufsfeuerwehr. Nach Erwerb der Ausbilderlizenz im Herbst 1998 wird im Frühjahr 1999 der erste Lehrgang für 8 Freiwillige am Standort durchgeführt. Auf eine Ausschreibung hin meldeten sich 30 Feuerwehrmänner, allesamt der Tatsache bewußt, daß HRD keine Action-Freizeitbeschäftigung bedeutet. Vielmehr heißt es auch langfristig zweimal im Monat, auch aus der Freizeit heraus an den Übungen teilzunehmen. Uneingeschränkte Tauglichkeit nach arbeitsmedizinischen Gesichtspunkten, sportliche Belastbarkeit und realistisches Einschätzen der eigenen Leistungsfähigkeit sind nur einige der geforderten Eigenschaften.

Schwerpunkte der Ausbildung sind:

  • Unfallschutzbelehrung
  • Material- und Knotenkunde
  • Schaffung von Festpunkten
  • Moderne Sicherungstechnik
  • Abseilen und Aufseilen am Seil
  • Höhengewöhnung
  • Retten von verletzten Personen aus großen Höhen und Schachtrettung

Der Einsatzbereich der Höhenrettungsgruppe beginnt in der Regel da, wo die Arbeit der Feuerwehr oder des Rettungsdienstes mit konventionellen Mitteln wie "Rückhaltung mit Fangleine, Einsatz von tragbaren Leitern oder Maschinenleitern" nicht oder nur mit erhöhtem Risiko durchgeführt werden kann.

Einsätze zur Menschenrettung von Baugerüsten, Kränen, Freileitungsmasten, Brückenkonstruktionen, aus Baugruben und Schächten oder Silos, Verbringen von Dritten (z. B. Notärzte, Rettungssanitäter u. a.) an exponierte Stellen, sowie die Durchführung von Tierrettungen und entsprechenden technischen Hilfeleistungen sind die klassischen Aufgaben dieser "Sondereinheit". In der noch jungen Geschichte, der zur Zeit im Aufbau befindlichen Kaisers-lauterer Höhenrettungsgruppe waren neben zahlreichen Gewöhnungs- und Handhabungsübungen bisher noch keine spektakulären Einsätze zu bewältigen. Lediglich ein 2 m hoher Baum auf der Spitze des Kammgarn-Kamins wurde in Amtshilfe für das Hochbauamt entfernt, da dessen Wurzeln das Mauerwerk zu zerstören begonnen hatten.

Abmarschbereitschaft der Höhenretter wurde hergestellt, als von der Polizei in Ludwigshafen ein kompetentes Team gesucht wurde, um einen Schwerstverletzten nach Suizidversuch an einer unzugänglichen Stelle in einem Steinbruch in der Südpfalz zu retten. Wegen der unmittelbaren Nachbarschaft der Einsatzstelle zu einer weiteren rheinland-pfälzischen Höhenrettungs- gruppe wurde diese alarmiert, um die Zugriffszeit zum Opfer zu minimieren. Ein Ausrücken der Lauterer Einheit war nicht erforderlich, da der örtliche HRD über ausreichend Mannschaft und Gerät verfügte. Nachdem ein Notarzt von den Höhenrettern zu dem Verletzten gebracht wurde und dessen Transportfähigkeit hergestellt war, konnte im Zusammenspiel von SAR-Rettungshubschrauber und HRD der Verletzte innerhalb kürzester Zeit mittels Helicopter-Seilwinde an Bord des Hubschraubers und dann in ein Krankenhaus gebracht werden. Eine noch schnellere und effizientere Lösung wird von den Kaiserslauterern Höhenrettern und der Polizeihubschrauberstaffel angestrebt. Das im alpinen Bereich längst mit durchschlagendem Erfolg angewandte System der "Longline-Rettung", bei dem der Luftretter mitsamt seiner medizinischen und technischen Ausrüstung an einem ca. 50 m langen Seil unter dem Hubschrauber hängt und so direkt den Verletzten anfliegt, soll in einem Pilotprojekt für Rheinland-Pfalz getestet werden.

Die Vorbereitungen hierzu sind abgeschlossen, so dass nach Klärung der finanziellen Seite der Probebetrieb aufgenommen werden kann. Eine Zusammenarbeit mit den Feuerwehren des Kreises und der Rettungsdienste wird von uns angestrebt. Die Ausbildung dieser Höhenretter könnte im Hause der Berufsfeuerwehr Kaiserslautern erfolgen. Bedingt durch die hohen Kosten für die erforderliche Erstausrüstung und den hohen Zeitbedarf - mindestens 80 Übungsstunden im Jahr - zusätzlich zum normalen Feuerwehrdienst, erscheint es fraglich, ob es dazu kommen wird. Potential und Enthusiasmus ist jedenfalls auf beiden Seiten reichlich vorhanden.

Resümee

Die Rettung von Menschen aus besonderen Lagen ist ein fester Bestandteil im Tätigkeitsfeld der Feuerwehr. Lange Zeit stiefmütterlich behandelt, tritt sie nun aufgrund der guten technischen Ausstattung der Feuerwehren und der guten baulichen Situation mit Recht wieder in den Vordergrund. Es wäre jedoch teuer, aufwendig und darüber hinaus ist es auch nicht notwendig, jedes Mitglied der Feuerwehr im HRD auszubilden. Die Kosten bleiben insgesamt im Rahmen, wenn - wie in Rheinland-Pfalz angestrebt - punktuell eingerichtete Höhenrettungsgruppen eine flächendeckende Versorgung gewährleisten können. Mit dem HRD steht der Feuerwehr ein zeitgemäßes Instrumentarium, gebildet aus hochmotivierten Mitarbeitern und zweckmäßiger Ausrüstung zur Verfügung, um den genannten Situationen gerecht zu werden.

Die Berechtigung der Fangleine und des Feuerwehrsicherheitsgurtes als reine Halteleine bzw. Haltegurt stehen außer Frage, wenn gesichert ist, dass es zu keinem Sturz im Sinne eines "freien Falles" kommen kann. In der gängigen Feuerwehrpraxis jedoch ist dieser "Fall" im wahrsten Sinne des Wortes, in den wenigsten Situationen sicher auszuschließen. Dass in der Vergangenheit kaum ein Feuerwehrmann bei konventionell eingesetzten Sicherungsmöglichkeiten zu Schaden gekommen ist, ist mehr einer Verkettung von glücklichen Umständen zuzuschreiben.